Cowboy und Indianer

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Das Thema “Cowboy und Indianer” ist neben asiatischen Trends, Fantasy- und Zauberliteratur ein wenig in Vergessenheit geraden. Das ist schade, da es einige wirklich gelungene Abenteuer mitzuerleben gibt. Außerdem ist es nach wie vor faszinierend, in eine so oft bewunderte Kultur einzutauchen und sich jenseits von simplen Klischees mit diesem Teil der amerikanischen, letztlich auch europäischen Geschichte auseinanderzusetzen. Das Thema “Gut und Böse” taucht ebenfalls immer wieder auf, und mehr als viele andere Geschichten lädt die Konstellation Weiße vs. Indianer dazu ein, ethisch Stellung zu beziehen und über den Tellerrand zu schauen. Historisch hat übrigens das Cowboy-und-Indianer-Thema die Deutschen schon immer besonders fasziniert. Vielleicht, weil man sich neben aller Pünktlichkeit und Pflichtbewusstsein doch nach etwas Wildwestabenteuer sehnte.

Die Söhne der großen Bärin von L. Welskopf-Henrich

Die erfolgreichste Indianer-Reihe der Nachkriegszeit wurde in der früheren DDR von Liselotte Welskopf-Henrich, einer geborenen Münchnerin, verfasst. Ihr besonderes Verdienst liegt darin, mit der sechsteiligen Reihe “Die Söhne der großen Bärin” ein äußerst spannendes, aber zugleich wissenschaftlich fundiertes Bild der Dakota-Indianer zu zeichnen, anstatt altbekannte Klischees zu verarbeiten. Die Dakota sind prägend für das Bild des Prärieindianers gewesen, wie es in Deutschland vorherrschte. Die sechs Bände umspannen  die vollständige Lebenszeits des Indianerjungen Harka, der später als Häuptling Tokeih-Ito heißt und in jedem Band einen neuen Lebensabschnitt erlebt. Die zeitliche Platzierung ist so gewählt, dass Harka die wichtigsten historischen Epochen von der noch ungestörten, überlieferten Lebensweise der Dakota über die ersten Auseinandersetzungen mit den weißen Eroberern und dem erniedrigenden Ende auf der Reservation erlebt. So wird man anhand einer Person, mit der sich der Leser gut identifizieren kann, durch alle wesentlichen Stationen der indianisch-amerikanischen Geschichte geführt und kann die verschiedenen Handlungsmöglichkeiten und Motive der beteiligten Figuren gut nachvollziehen. Dieser Lerneffekt geschieht aber wirklich ganz nebenbei, aus Kindersicht ist es zunächst schlicht eine spannende Reihe mit einer starken Identifikationsfigur und zahlreichen Abenteuern. Die einzelnen Bände heißen:

 Altersempfehlung: 8 – 14 Jahre

Der Enkel der Könige und mehr von Franz Treller

Franz Treller ist so etwas wie der kleine Bruder von Karl May. Beide konkurrierten im 19. Jh. mit Erzählungen in der selben Jugendzeitschrift. Trellers erfolgreichste Romane spielen im Gegensatz zu den meisten Indianer-Romanen Mays in Südamerika und beschäftigen sich mit den Inkas, Mayas und ihren Nachfahren sowie den verschiedenen Bürgerkriegen in Südamerika. Gauchos, Indios, Rancheros, zwielichtige Gestalten und abenteuerlustige Einwanderer bevölkern hier die Seiten.

 

Man muss jedoch zugeben, dass Treller nicht nicht über das gleiche erzählerische Können wie May verfügt. May lässt sowohl geringschätzige als auch sentimental-überpositive Ansichten über die Eingeborenen sets von verschiedene Figuren vorgebringen, die die Figur Mays (Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi) dann kritisch bewertet. Treller lässt seinem Erzähler, nicht den Figuren, bisweilen klischeehafte Urteile durchgehen. Dies macht, neben den weniger differenzierten Figuren, seine Bücher weniger zu Literatur und mehr zu Schmökern.

Als solche sind sie aber unterhaltsam und spannend; eine unbedenkliche Strandlektüre. Sie sind auch schwer zu ersetzen, da es wenig Abenteuer-Romane gibt, die im Südamerika des 19. Jahrhunderts spielen. Fast alle seine Werke sind heute als E-Book erhältlich (Gesammelte Werke Franz Trellers), es gibt außerdem diverse Neuauflagen.

Altersempfehlung: 8/9 – 14 Jahre

 

Winnetou und mehr: Karl May

Karl May kennt jeder. Aber nicht jeder erinnert sich klar daran, wie gut seine Bücher tatsächlich sind. Verglichen mit den meisten Abenteuergeschichten bietet er ein wirklich hohes Niveau, und seine Auseinandersetzungen mit den Themen Völkermord, Modernisierung und Islam sind auch heute aktuell. Bücher sind im besten Fall ein sprechendes Gegenüber, das zur Erziehung beiträgt – und das tut May sicherlich mit seinem konsequent christlich handelnden, stets über die praktische Anwendung von Feindesliebe nachdenkenden Helden Old Shatterhand (bzw. Kara Ben Nemsi, der die selbe Person im Mittleren Osten ist). Auch wenn er zu den Orten, die er beschreibt, lange Zeit nicht reisen konnte – er stützte sich auf solide Quellen wie George Catlin.

 

Noch einen anderen Effekt hat es, heute Karl May zu lesen: Es macht uns in vielleicht heilsam erschreckender Weise bewusst, wie sehr die Lesefähigkeit von Schülern in den letzten zwei Generationen abgenommen hat. Für Eltern von heute, die ca. 70er Jahren geboren sind, war die Schriftgröße des Buchs normal und auch seine Dicke war eher verlockend. Heutige Kinder sind deutlich größere Schriften gewöhnt und brauchen eine gewisse Gewöhnung, bis sie sie normal finden. Berücksichtigt man die heute üblichen Schriftgrößen im Verhältnis zum Buchpreis, so bekommt man im 21. Jahrhundert deutlich weniger Geschichte pro Euro: Die Schriften sind viel größer und mit mehr Abstand gesetzt. Ein Kind, das einen Band Karl May gelesen hat, hat ungefähr soviel Text gelesen wie acht Bände Magisches Baumhaus! Nur Harry Potter kann da mithalten. (Magisches Baumhaus: ca. 200 Wörter pro Seite – 18.000 Wörter pro Band, Liliane Susewind 160 Wörter pro Seite, 24.000 Wörter pro Band, Karl May 360 Wörter pro Seite, 144.000 Wörter pro Band.).

 

Altersempfehlung: 8/9 – 15 Jahre

 

Blauvogel, Wahlsohn der Irokesen von Anna Jürgen

Südamerika deckt Franz Treller ab, die Prärie-Indianer Liselotte Welskopf-Henrich, die südlicher lebenden Apachen (und manch anderes) Karl May. “Blauvogel” erzählt hingegen von einer anderen indianischen Kultur, die sich von diesen deutlich unterschied: von den Waldindianern, die im Osten Nordamerikas rund um die Großen Seen lebten. Bekanntester Stamm ist der der Irokesen. Diese lebten z.B. nicht in Zelten, sondern in hölzernen Langhäusern als Gemeinschaftsunterkunft. In “Blauvogel” gerät der neunjährige George in irokesische Gefangenschaft und wird von einer Familie an Stelle deren getöteten Sohnes adoptiert. Obwohl George zunächst nur an Flucht denkt, erwirbt er Respekt vor seinen neuen Stammesgenossen und fühlt sich nach und nach von ihnen angenommen. Ein Buch, das einmal nicht Abenteuer und Kampf in den Vordergrund stellt, sondern für einen spannenden kindlichen Konflikt die Eroberung des Indianerlands durch Engländer und Franzosen um 1755 als Hintergrund wählt.

 

Biographische Romane über die größten Häuptlinge: Earnie Hearting

Das realistischste, was man an Indianer-Romanen lesen kann, kommt aus der Feder Earnie Heartings. Hearting hat konsequent historische Quellen herangezogen, um möglichst wahrheitsgetreue Biographien von berühmten Häuptlingen wie Sitting Bull, Rote Wolke, Geronimo, Pontiac und vielen anderen Staatsmännern der indianischen Völker zu verfassen. Wer sich ernsthaft dafür interessiert, wie das Leben der Indianer aussah, ist hier an der richtigen Adresse. Hearting schreibt dennoch keine Sachbücher, sondern biographische Romane, die für ältere, am Thema interessierte Kinder und Jugendliche spannend und interessant zu lesen sind. Auch Erwachsene können hier ein interessantes neues Themengebiet entdecken.

Altersempfehlung: 11 – 18 Jahre

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