Die Mumins – Kinderbuch meets Kafka

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Diese Seite ist einmal keine thematische Sammlung, sondern eine begeistertes Special über “Die Mumins” von der finnlandschwedischen Autorin Tove Jansson. Wer bei den Mumins nur an die schwache Zeichentrickserie der späten 60er Jahre denkt und sie gar noch mit den Barbapapas verwechselt, dem entgeht etwas ganz Einzigartiges in der Kinderbuchwelt. Bei den neun Bänden der Mumin-Romane finden sich einfachste, aber gelungene Gute-Nacht-Geschichten genauso wie Bücher, die wirken, als hätten Franz Kafka und Rainer Maria Rilke sich bei einer Kanne Heidelbeerwein an Kinderbüchern versucht.


Die Welt der Mumins ist der Natur nach weitgehend die unsere, eine nur teilweise phantastisch abgewandelte nordische Landschaft. Auch gibt es Häuser, Segelboote, Ofenklappenschnüre, Beeteinfassungen aus Muscheln, Kaffee und die Mundharmonika.

 

Die Mumins selbst sind eine besondere Art von Trollen, weiße Waldtrolle, die entfernt wie winzige aufrecht gehende Nilpferde aussehen. Hauptpersonen sind der Mumin selbst, Sohn der Familie, kindlich-romantisch und abenteuerlustig; dazu die Muminmutter, häuslich, zupackend-streng, aber mit ungeahnten Fertigkeiten; und der Muminvater mit Zylinderhut, einerseits bürgerlich-gesetzt und Hobby-Naturforscher, andererseits (wie man im Band “Muminvaters wildbewegte Jugend” erfährt) mit durchaus überraschenden Aktivitätsanfällen.

 

Die Muminfamilie bewohnt ein kleines Haus in einem Tal, das für die anderen Wesen der Inbegriff von Heimat wird – in dem Sinne, dass man dort stets willkommen ist, ein verlässlich geordnetes Gefüge von Mahlzeiten, Tagesablauf und hübschen Gästebetten vorfindet, ohne dass man bedrängt oder bevormundet würde. Jeder ist willkommen, wie er ist; jeder Gast fügt sich aber auch intuitiv in die häusliche Gemeinschaft ein. Wer lieber unten am Bach zeltet oder in einer Höhle auf dem Berg schläft, darf das jederzeit tun. Dieses Gefühl der Geborgenheit, des toleranten Angenommenseins ist der Kern aller Muminbücher, und er ergänzt sich ganz wunderbar mit den charaktervollen und bisweilen abseitigen Figuren, die in das Leben der Mumins treten. Am besten beschreibt das der Mumrik in “Herbst im Mumintal“: “mit ihnen konnte man allein sein” (S. 78).

 

Im ersten Band “Mumins lange Reise” lernt man Mumin kennen, der mit seiner Mutter umherzieht, nachdem der Vater von einer Entdeckungstour jahrelang nicht zurückkehrte. Sie durchqueren z.B. eine Welt, die stark an Willy Wonkas Schokoladenfabrik erinnert, und treffen ein kleines, ängstliches, aber freundliches und liebenswertes Tier, das Schnüferl. Es schließt sich ihnen an und wird Mumins ständiger Begleiter. Nach einer Überschwemmung finden sie unter den Tieren, die sich in Sicherheit bringen, den Muminvater wieder und am Ende sogar ihr Haus, das von den Wassermassen ins Mumintal gespült wurde. Dieser Band eignet sich bereits zum Vorlesen für 4-5jährige Kinder und ist eine Art modernes Märchen. Übrigens ist gerade vor wenigen Tagen eine hübsch gestaltete neue Hardcover-Ausgabe erschienen, die preislich nur drei Euro über den Taschenbüchern liegt; der hier verlinkte erste Band gehört dazu. Eine gebundene Ausgabe gehört, finde ich, bei liebenswerten Büchern einfach dazu.

 

In “Komet im Mumintal” lernen wir erstmals den Snork und seine Schwester, das Snorkfräulein kennen. Snorks sind Trolle, die im Gegensatz zu den Mumins die Farbe je nach Stimmung wechseln. Obwohl er das nicht gerne zugibt, schmachtet Mumin angesichts der hübschen Stirnfransen des (leider etwas oberflächlichen) Snorkfräuleins dahin. Ihr Bruder hingegen ist äußerst nüchtern, der geborene Organisator. Während ihrer Expedition zu einem Observatorium, das von winzigen Professoren betrieben wird, treffen die Abenteurer außerdem auf den Schnupferich. Der Schnupferich ist ein sympathischer Hobo, der nach der Maßgabe “Man darf sein Herz nicht an die Dinge hängen” mit seinem Zelt und seiner Mundharmonika durch die Welt zieht und ohne Verlustschmerz seine Kochtöpfe ihn den Abgrund wirft, wenn er kein Essen mehr hat.

In diesem und den weiteren “mittleren” Bänden der Reihe (Die Mumins. Eine drollige Gesellschaft, Sturm im Mumintal, Winter im Mumintal, Geschichten aus dem Mumintal, Mumins wundersame Inselabenteuer) finden Kinder von ca. 7 – 9 Jahren abwechslungsreiche Abenteuer mit interessanten Figuren, deren besondere Seiten recht leicht zu verstehen sind. So ist das Schnüferl traurig, weil es nicht so gut tauchen kann wie Mumin, der mit weißen Kieseln “Perlentauchen” spielt. Oder es wünscht sich, dass eine streunende Katze sich als täglicher Besucher an es gewöhnt, damit es gegenüber dem Freund auch etwas Einzigartiges vorzuweisen hat. Das größte Glück des Schnüferls erleben wir, als es eine Höhle entdeckt, die allen kindlichen Regeln einer “richtigen”, idealen Höhle entspricht: über dem Meer gelegen, mit gefährlichem Zugang, mit Sand im Eingang und einem natürlichen Fenster in der Decke. Die mittleren Bücher besitzen bereits eine gewisse Doppelbödigkeit, einen Subtext an Menschenkenntnis und Typenbeobachtung, der sie auch für Erwachsene zu einer ungewöhnlich ansprechenden Lektüre macht.

 

Was ich anfangs mit Rilke und Kafka meinte, wird im letzten Band der Mumin-Reihe (“Herbst im Mumintal“) am deutlichsten. Dieser Band ist meines Erachtens kein Kinderbuch, sondern eine Lektüre für Erwachsene. Die verschrobensten und verstiegensten Figuren der Muminwelt, die mit den traurigsten und schwierigsten Seiten, entschließen sich unabhängig voneinander, anlässlich verschiedener widriger Ereignisse ins Mumintal aufzubrechen. Dort erhoffen sie sich Trost und Klarheit für ihre verschiedenen Probleme. Der “Herbst im Mumintal” bringt allen Figuren die erhoffte Katharsis, aber allen auf andere Art, als erwartet, denn die Mumins sind gar nicht zu Hause.

Die Filifjonka beispielsweise entgeht beim Hausputz – der für sie beglückendsten und sinnstiftendsten Tätigkeit schlechthin – nur knapp einem tödlichen Unfall. Fortan kann sie ans Putzen gar nicht mehr denken. Die daraus folgende Leere in ihrem Leben kann sie im Mumintal bewältigen, davon ist sie überzeugt. Sie behält Recht, doch zuvor durchlebt sie eine fast psychotische Phase voller Angst vor Dreck und kleinem Getier.

Der Hemul kommt ebenfalls zu einer Krise in seinen Lebensüberzeugungen, als er nach Jahren das Segelboot, das er einmal gekauft hat und jährlich wartet, noch immer nicht zu benutzen wagt: “Er versuchte, der Hemul zu sein, den alle gern hatten; er versuchte, der arme Hemul zu sein, den niemand liebte. Doch er war und blieb nur ein Hemul, der sein Bestes tat, ohne daß es wirklich gut wurde. … Plötzlich fand der Hemul, daß alles, was er tat, nichts anderes war, als Sachen von dem einen Platz auf den anderen zu räumen oder zu sagen, wo sie stehen sollten, und er fragte sich in einem Augenblick der Erleuchtung, was geschehen würde, wenn er es unterließ. Vermutlich nichts, irgendein anderer täte es, sagte sich der Hemul … er war überrascht und ein wenig erschrocken über das, was er gesagt hatte. … Und in der nächsten Sekunde hatte er gedacht: Aber dann muß ich ja segeln… Daraufhin wurde ihm richtig übel, und er musste sich aufs Bett setzen.” (S. 29f.)

In diesem Segelboot des Hemuls wohnt das Jahr über ohne dessen Wissen der Homsa Toft, und auch der macht sich auf ins Mumintal, das er nur aus der intensivsten täglichen Vorstellung kennt. Doch die hat begonnen, zu verblassen, und das macht ihm Angst. Der Homsa findet im Haus ein naturkundliches Buch des Muminvaters über ein unsichtbares Wesen, das von Elektrizität lebt; und halb real, halb als Metapher wächst dieses Wesen von nun an in der Dunkelheit, um später sowohl für Homsa als auch die Filifjonka die entscheidende Wendung zu bringen. Homsa wird erstmals zornig auf jemanden und erschrickt: “Toft war erschrocken, in sich selbst einen ganz anderen Homsa zu entdecken, einen Homsa, den er nicht kannte und der vielleicht wiederkäme und ihn vor allen anderen beschämen würde.” (S. 119). Kafkas “Verwandlung” und Rilkes “Malte Laurids Brigge” zwischen Trollwesen und Mundharmonikamusik.

Homsa bewundert den Mumrik, der sich abseits von den anderen in seinem Zelt ebenfalls im Tal aufhält. Der Mumrik beeindruckt ihn durch seine wortkarge Weltgewandtheit: “Was der Mumrik sagte, klang richtig und gut, und dann wenn man wieder allein war, begriff man nicht, was er gemeint hatte, und schämte sich, zurückzugehen und zu fragen.” (S. 120). Homsas Selbstreflexion erinnert an die Gedanken eines Teenagers oder krisengeschüttelten Erwachsenen: “Vielleicht bewundern sie ihn (den Mumrik), weil er nur seines Weges geht und hinter sich alles aussperrt. Aber das mache ich ja auch, und das findet niemand schön. Es liegt bestimmt daran, daß ich zu klein bin. … Ich will keine Freunde haben, die zwar lieb zu mir sind, sich aber nicht um mich kümmern, und auch keinen Freund, der lieb ist, bloß damit er ein gutes Gewissen haben kann. Und keinen, der Angst hat. Ich will einen haben, der niemals Angst hat und der mich gern hat, ich will eine Mutter haben.

Und mit solchen Gedanken schließt sich der Kreis aller Muminbücher, die wie kaum etwas anderes genau das verkörpern: Eine Familie, die für einen da ist, mit der man aber auch allein sein kann, und eine Mutter, die niemals Angst hat und einen gern hat.