Ilias und Odyssee – Was ist der beste Einstieg in griechische Sagen?

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Schon bemerkt, dass Playmobil wieder die Römische Galeere in die Regale gebracht hat, die viele Jahre nicht erhältlich war? Auch eine neue Pyramide gibt es – anscheinend wird die Antike wieder beliebt. Und mein Sohn fragt mich nach allerlei Sagen. Zeit also, verschiedene Bücher zu testen. Dabei kommt man natürlich als erstes um Troja und Odysseus nicht herum. Nur: Während mein Mann die Ilias im Original auf Griechisch liest, brauchen der Zweitklässler, die Viertklässlerin, die Sechstklässlerin (und die Mama) ganz andere Versionen. Welche Bücher über die Ilias und die Odyssee taugen für wen?

Paul Hühnerfeld: Der Kampf um Troja

Für den Siebenjährigen hat sich die einfachste und kürzeste Nacherzählung von Paul Hühnerfeld bewährt. Der Autor erzählt in strikt chronologischer Reihenfolge, was jüngeren Lesern das Verständnis erleichtert. Die meisten griechischen Begriffe werden erklärt, es kommen auch nicht mehr als unbedingt nötig vor, und man lernt doch ein paar Grundkonzepte wie “Göttervater Zeus”, “Nektar und Ambrosia, eine Speise, die unsterblich machte” etc. Die ganze Troja-Sage beginnt hier schon bei Tantalus, dann kommt die Hochzeit des Peleus mit dem Zankapfel der Eris, anschließend Paris’ Schiedsspruch und die gar nicht so unfreiwillige Entführung der Helena usw. Vorhergehende Zusammenhänge werden verständlich an den Stellen erklärt, an denen sie für die weitere Handlung wichtig sind. Die Sprache von Paul Hühnerfeld ist äußerst angenehm zu lesen, locker und humorvoll, aber gleichzeitig mit einer Wertschätzung, die dem alten Stoff seine Würde lässt. Ein typisches Zitat:

“Ja, ja”, sagte Hermes, “diesen Paris. Einer von den fünfzig Söhnen des Königs Priamos von Troja. Der ist der rechte Mann.” “Wenn er der rechte Mann ist, mein lieber Hermes”, sagte Zeus, “so führe unverzüglich die drei Göttinnen zu ihm und lass ihn entscheiden.” Gesagt, getan. Es war keine angenehme Reise für Hermes, denn die drei beleidigten Damen sprachen unterwegs kein Wort miteinander.

Der einzige Nachteil von Hühnerfelds Version ist ihre Kürze. Dadurch fehlen dann doch einige Details, und es ist nicht ganz einfach, bei betont schlichter Darstellung einen Spannungsbogen aufzubauen. Wer das Buch gelesen hat, besitzt aber auf jeden Fall einen guten Überblick über die Götterwelt und den Trojanischen Krieg.

 Altersempfehlung: bei entsprechendem Interesse ab 7 Jahren

 

Was ist nun für ältere Leser der griechischen Sagen geeignet, ca. ab 10 – 12 Jahren? Im Angebot sind v.a. drei konkurrierende Bücher: Der Klassiker von Gustav Schwab, eine Version der bewährten Historien-Autorin Rosemary Sutcliff und eine v.a. wegen der faszinierenden Illustrationen interessante Version des Dramatikers Bernd Evslin.

Bernd Evslin: Vom Kampf um Troja: Die Ilias neu erzählt

Wenn man Evslins Version direkt im Anschluss an die von Hühnerfeld liest, ist man beinahe erschlagen. Im Vergleich ist sein Buch wesentlich schwülstiger, durch Rückblenden und lange Reden ist es schwerer, zu folgen, und der Text ist mit einer Menge griechischer Begriffe gespickt, die nicht alle erklärt werden. Evslin versucht, die einzelnen Figuren wesentlich greifbarer zu machen, den Leser ins Geschehen hineinzunehmen, und seine Version ist im Gegensatz zu anderen nicht “chemisch gereinigt”. Das ist durchaus angemessen für das Original – die Griechen waren nunmal ein recht lüsternes und blutrünstiges Volk. Aber es ist nicht unbedingt angemessen für Kinder.

Beispiel: “Gut aussehende junge Männer, nackt unter ihrer Rüstung, ertranken in ihrem eigenen Blut.”, oder (Hera zu Zeus:) “Sinke wieder in den süßesten aller Schlummer, in dem du nach gebirgserschütternden Liebesakten wieder zu Kräften kommst”.

Mir hat es wenig Spaß gemacht, diese Version zu lesen; die Sprache ist mir zu süßlich und der Autor versucht zuviele Nebenstränge in knappster Form unterzurbringen, so dass aus der Fülle Stress wird und man sich frustriert wünscht, der Unterschied zwischen Najaden, Nereiden und Meeresnymphen möge doch erkärt werden, wenn der Autor schon mit diesen Begriffen auftrumpft. Die sehr sehenswerten Illustrationen von Dieter Wiesmüller wiegen diese Schwäche leider nicht auf.

Rosemary Sutcliff: Troja und die Rückkehr des Odysseus: Die Geschichte der Ilias und der Odyssee

Rosemary Sutcliff gelingt es – wie in ihren anderen Büchern – auch diesmal, den historischen Stoff angemessen, aber zugleich spannend und mit lebendigen Figuren, in die man sich tatsächlich hineinversetzen kann, zu gestalten. Für ältere Schüler ab ca. 10-12 Jahren gefällt mir ihre Version sehr; einen gewissen Wortschatz und etwas Ausdauer für längere Sätze und die teils leider unnötig schwerfällige Übersetzung sollte man allerdings schon mitbringen. Sutcliff schafft es, auf unwichtige Seitenstränge zu verzichten und die Kernhandlung herauszuarbeiten. Sie hat von allen hier vorgestellten Autoren vermutlich am wenigsten den Anspruch, klassischen Bildungsstoff zu vermitteln; bei ihr steht die Geschichte als Story, nicht als Sammlung von Plots und Begriffen, die der gute Humanist kennen sollte, im Zentrum. Sie schreibt einen Roman, keine Sage. Kampf und Liebe schildert sie treffend, aber taktvoll und so, dass Kinder sicherlich von keinem Satz peinlich berührt sind. Ein typisches Zitat:

“Da fürchtete sich Helena. Sie zog den Schleier vor ihr Gesicht und folgte der Göttin zu ihrem Haus. Und in dem hohen Saal saß Paris auf dem Rand des Bettes, unbewaffnet war er und schien eher von Flötenmusik und Tanz zu kommen denn von einem Kampf; nur der rote Striemen, den der Gurt des Helms an seinem Halse hinterlassen hatte, zeugte davon. Grimmig und verbittert stand sie vor ihm und sprach: “Du bist also vom Kampfplatz zurückgekehrt. Höre dir nun an, was ich dir zum Empfang zu sagen habe. Ich wünschte, du wärst gestorben da draußen durch die Hand meines rechtmäßigen Gemahls, der ein bessrer Mann ist, als du es jemals sein wirst!”.

Bei Sutcliffe bekommt man übrigens in einem Band auf insgesamt 300 Seiten auch noch die Odyssee gleich noch dazu.

 Altersempfehlung: ab 10 Jahren

Gustav Schwab: Sagen des klassischen Altertums

Ganz klassisch wird es bei Gustav Schwab, lange Zeit der Maßstab schlechthin für die deutschen Versionen der griechischen Sagen. Will man mehr als Ilias und Odyssee lesen, sich auch mit Theseus, der Heraklessage, Ödipus, den Argonauten und kleinen Sagen wie Ikarus beschäftigen, landet man früher oder später unweigerlich bei Schwab, der sie alle nacherzählt hat. Schwab geht es im Gegensatz zu Sutcliff mehr darum, deutsche Leser mit den Inhalten, persönlichen Verhältnissen und typischen Abenteuern der berühmten griechischen Figuren bekannt zu machen und weniger darum, einen Roman zu schreiben. Er ist ausführlicher als Hühnerfeld, man darf wohl sagen: Er ist vollständig, aber dabei nie schwülstig wie Evslin, und er erklärt auch weitestgehend die Begriffe, die er verwendet. Ein Glossar findet sich in den meisten Ausgaben ebenfalls. Weil Schwab keinen Roman schreibt wie Sutcliff, sondern Sagen nacherzählt, ist er weniger fesselnd, aber dafür wesentlich näher am Original. Und wer wirklich mitreden will in der Frage, wer nun wessen Sohn war, wer gegen wen intrigiert und wen besiegt hat, der kommt wohl um Schwab nicht herum. Etwas Geduld und wirkliches Interesse am Thema braucht es dann allerdings, um seine mit reichlichen Nebensätzen versehene Sprache zu verarbeiten. Ein typisches Zitat:

Da die Wünsche, welche die Göttin in Paris erweckt hatte, so lange nicht in Erfüllung gingen, vermählte er sich hier mit einer schönen Jungfrau namens Önone, die als die Tochter eines Flußgottes und einer Nymphe galt und mit welcher er auf dem Berge Ida bei seinen Herden glückliche Tage in der Verborgenheit verlebte. Endlich lockten ihn Leichenspiele, die der König Priamos für einen verstorbenen Anverwandten hielt, zu der Stadt hinab, die er früher nie betreten hatte. Priamos setzte nämlich bei dem Feste als Kampfpreis einen Stier aus, den er bei den Hirten des Ida von seinen Herden holen ließ. Nun traf es sich, daß gerade dieser Stier der Lieblingsstier des Paris war, und da er ihn seinem Herrn und Könige nicht vorenthalten durfte, so beschloß er, wenigstens den Kampf um denselben zu versuchen. Hier siegte er in den Kampfspielen über alle seine Brüder, selbst über den hohen Hektor, der der tapferste und herrlichste von ihnen war. Ein anderer mutiger Sohn des Königs Priamos, Deiphobos, von Zorn und Scham über seine Niederlage überwältigt, wollte den Hirtenjüngling niederstoßen. Dieser aber flüchtete zum Altare des Zeus, und die Tochter des Priamos, Kassandra, welche die Wahrsagegabe von den Gütern zum Angebinde erhalten hatte, erkannte in ihm ihren ausgesetzten Bruder.”

Wer es schafft, “den Schwab” vollständig zu lesen, wird dafür aktuell mit einer sehr hübschen und günstigen Ausgabe in blauem Ziegenleder mit Goldprägung belohnt. Was gibt es Würdigeres für die wachsende Jugendbibliothek?

 Altersempfehlung: ab 12 Jahren

Wer dann einigermaßen einen Überblick über die Figuren der Sagenwelt besitzt, kann sich besonders amüsieren über Peter Hack’s satirische Version “Telemach und sein Lehrer Mentor”, die ich an anderer Stelle bereits vorgestellt habe. Aber auch ohne humanistische Grundbildung hat man zumindest am dazugehörigen Hörspiel großes Vergnügen.