Kinder stehen für etwas ein

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Keine Bange, nichts hier ist moralinsauer, brrrr, wer mag das schon. Aber alle hier versammelten Bücher haben Gut und Böse, richtiges und falsches Verhalten zum Thema. Sie muten und trauen Kindern zu, entgegen Indifferenz, political correctness und “solang du deine Füße unter meinen Tisch stellst…” Position zu beziehen.

 

Erich Kästner: Pünktchen und Anton

Ich würde dieses Buch bis aufs Blut verteidigen gegen gekränkte Emanzen und Klassenkampf-Rhetoriker! So sehr liebe ich “Pünktchen und Anton“. Die Story: Anton versorgt den Haushalt, während seine alleinerziehende Mutter schwer krank ist, steckt allerorten zurück und verdient heimlich Haushaltsgeld als Streichholzverkäufer. Pünktchen, Spielkameradin aus reichem Hause, wird von ihrer Mutter (mächtig auf dem Selbstverwirklichungstrip) vernachlässigt und hält Anton heimlich den Rücken frei. Warum würde jemand sich mit mir um dieses Buch prügeln? Weil Kästner in einer moralischen Betrachtung zu jedem Kapitel wertet, urteilt und durchaus auch verurteilt – wenn auch immer in einem liebevollen, brüderlichen und augenzwinkernden Ton. Die Frau tut ihre Pflicht an Mann und Kind nicht, Anton wird trotz aller Aufopferung an einer Stelle falsches Heldentum nachgewiesen, etc. So viel Wahrheit und moralischer Anspruch wird in zukünftigen Auflagen vielleicht noch herauszensiert werden, aber wie gesagt: Nicht ohne meinen Widerstand 😉 ! Die zahlreichen Verfilmungen kann man getrost links liegen lassen, sie werden dem Buch nicht gerecht.

 Altersempfehlung: 7 – 12 Jahre

Henry Winterfeld: “Timpetill – Die Stadt ohne Eltern

Timpetill – Die Stadt ohne Eltern” ist ein fesselndes, abenteuerliches Buch irgendwo zwischen Erich Kästner und der Roten Zora. Die Story: In einem kleinen Städtchen sind Lehrer und Eltern unzufrieden, weil viele Kinder über die Stränge schlagen. Als einer der frechsten Jungen einer Katze seinen Wecker an den Schwanz bindet, die daraufhin für diverse Unfälle sorgt, reicht es den Erwachsenen. Um ihren Kindern (in typisch verfehltem pädagogischem Aktionismus) eine Lehre zu erteilen, verschwinden sie klammheimlich in der Nacht. Vorher haben sie Gas- und Wasserwerk lahmgelegt und per Aushang am Rathaus fadenscheinig verkündet, mit ihrer Geduld am Ende zu sein und nie wieder zu kommen. Sie wollen eigentlich nach 24 Stunden zurückkehren, werden aber unvorhergesehen verhindert.

Ein Teil der Kinder schart sich um Oskar, den frechen, groben Anführer der “Piraten”, und plündert sogleich die Metzgerei von dessen Vater sowie die Spielzeug- und Süßigkeitenläden des Örtchens. Anfangs sehen nur zwei Kinder, wie falsch Anarchie und Plünderungen sind: der redegewandte, umsichtige und athletische Thomas und sein bester Freund Manfred, ein äußerst intelligenter und technikbegeisterter Junge, den alle “Geheimrat” nennen. Nach und nach gelingt es ihnen aber, viele andere Kinder zu überzeugen und als “Die 17 Retter in der Not” Essen, Telefonzentrale, Kinderbetreuung für die Kleinsten, Milchlieferungen und vieles mehr zu organisieren. Sogar das Gas- und Wasserwerk sowie die Straßenbahn setzt Manfred wieder in Gang. Doch die Piraten planen einen Angriff…

Der Ich-Erzähler Manfred nimmt jungen Lesern früh die Angst, die Kinder könnten wirklich verlassen werden und beginnt bei der Rückkehr der Eltern. Kindern gefällt an der Geschichte die Vorstellung, für alles selbst verantwortlich zu sein, wie bei “Mini-München” und ähnlichen Veranstaltungen. Manfreds rettende Ideen begeistern technisch interessierte Buben, und Thomas’ verantwortungsvoller, selbstbewusster Umgang mit den anderen Kindern ist altersgerecht, aber dennoch tiefgründig und inspirierend. Er bietet besonders für Jungs eine hervorragende Identifikationsmöglichkeit.

Hintergrund: Henry Winterfeld (“Caius, der Lausbub aus dem alten Rom“) war als Jude mit seiner Familie auf der Flucht vor den Nationalsozialisten, als er für seinen verunsicherten Sohn Thomas (!)  diese Geschichte erfand. Timpetill hat nichts mit dem historischen Deutschland des Dritten Reichs zu tun, aber Kern der Geschichte ist die kindgemäß verpackte Hoffnung, dass die Massen doch auf die Anständigen und Klugen hören mögen und nicht auf die grobschlächtigen Verführer, die ihnen Vorteile versprechen. Die französische Verfilmung wird dem Buch nicht gerecht, da sie eher Freude am Chaos als das Ringen um gutes Zusammenleben in den Vordergrund stellt und damit die Absicht des Buches konterkariert.

Altersempfehlung: 9 – 12 Jahre

 

Roald Dahl: Matilda

Das äußerst begabte Mädchen Matilda passt so gar nicht zu seinen Eltern: Der Vater ist dumm und verlogen, als Autoverkäufer betrügt er seine Kunden und ist stolz auf sein Talent, sie unbemerkt übers Ohr zu hauen. Die Mutter ist oberflächlich und fernsehsüchtig. Wenn Matilda sich weigert, das Fertigessen vor dem TV mit der Familie einzunehmen, gibt es Ärger. Und in der Schule hat die dicke Direktorin Knüppelkuh keinerlei Verständnis für das schlaue Mädchen, das sich schon mit vier Jahren durch die Bibliothek des Ortes gelesen hat. Matildas Zorn über die Ungerechtigkeit der Erwachsenen verleiht ihr ungeahnte Kräfte, und dann gibt es da noch das geheimnisvolle Fräulein Honig, die sich der Kleinen annimmt. Auch über dem Vater braut sich Einiges zusammen, denn ihm sind aggressive Betrugsopfer auf den Fersen… – Gelungene Übersetzung!

Altersempfehlung: 6,5 – 12 Jahre

 

James Krüss: Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen

Der Roman Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen von James Krüss sollte in keiner Kinderbibliothek fehlen. Auf der Rennbahn erinnert sich Timm Thaler besonders schmerzhaft an seinen verstorbenen Vater, und in diesem schwachen Moment tritt der Baron Le Fuet mit einem ungewöhnlichen Angebot an ihn heran. Wenn Timm ihm sein Lachen verkauft, wird er als Lohn dafür fortan jede Wette gewinnen. Ehe Timm begreift, dass man den Namen des Barons rückwärts lesen und auf der Hut sein sollte, ist es schon zu spät und eine Reise um die halbe Welt ist nötig, bis Timm wieder lachen kann und einsieht, dass die Fähigkeit zur Freude nicht mit Geld aufzuwiegen ist.

Altersempfehlung: 8 – 12 Jahre

 

Kurt Held: Die rote Zora und ihre Bande

Noch ein Buch, dessen Verfilmung weit hinter dem Leseerlebnis zurückbleibt: “Die rote Zora und ihre Bande” von Kurt Held. Im Kroatien der 30er Jahre findet der Waisenjunge Branko Aufnahme in der Bande der rothaarigen Zora. Die Bande haust in einer alten Burg und hält sich mit kleineren Diebstählen sowie gelegentlichen heimlichen Spenden einiger Dorfbewohner über Wasser. Auf Dauer kann das aber nicht so bleiben, und während man die Gruppe durch ein Jahr voller Abenteuer und heikler Situationen begleitet, bangt man mit den Kindern um ihre Zukunft als Jugendliche. Viele Situationen werfen moralische Fragen auf: Was ist noch Mundraub, was schon Diebstahl? Was ist noch Tarnung, was freche Lüge? Und wieweit ist die Ritter-Romantik und Gegnerschaft zu den Erwachsenen nur Fassade, um sich vor Schmerz und scheinbar unlösbaren Aufgaben zu schützen? Ein spannendes, facettenreiches Buch, mit lebendig und treffend geschilderten Figuren, die einen ein Leben lang begleiten. Um ein Vielfaches besser als “Herr der Diebe”, das eine ähnliche Konstellation aufweist.

Altersempfehlung: 8 – 15 Jahre

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