Pumuckl, Sams und andere Wunderwesen zu Besuch in der Menschenwelt

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Wenn man auf einer Party all die Wesen träfe, die in der Kinderliteratur in Kontakt mit Menschen treten, wäre das sicher der interessanteste und zugleich unberechenbarste Abend aller Zeiten. Kein Wunder, dass Kinder Bücher mit der Grundidee “fantastisches Wesen trifft auf Menschenwelt” faszinierend finden. Hier eine Auswahl der gelungensten:

Mary Norton: Die Borger

Die Borger sind kleine, freundliche, menschenähnliche Wesen, die heimlich in den Wänden und Böden von Menschenhäusern leben und sich von den für sie riesigen Menschen borgen, was sie zum Leben brauchen. Die Borger haben Angst, entdeckt zu werden; daher sehen es die Borger-Eltern mit Sorge, als ihre Tochter Arrietty Freundschaft mit einem Menschenjungen schließt. Der hilft ihnen jedoch, herauszufinden, ob sie die letzten Borger auf der Welt sind…

Die Welt der Borger begeistert einerseits in den niedlichen Details, so zupfen die Borger z.B. Fasern aus der Fußmatte vor der Haustür, um sich daraus eine Bürste zu machen. Andererseits fühlt man mit ihnen beim Versuch, sich zu schützen und gleichzeitig den Kontakt zu einigen wenigen vetrauenswürdigen Menschen zu wagen.

Die Buchreihe ist in den 50er Jahren in England entstanden und gewann die renommierte Carnegie Medal. Es gibt insgesamt 5 Bände, leider sind manche nur gebraucht in deutscher Übersetzung erhältlich. Sehr gelungen ist die japanische Trickfilm-Version des ersten Bandes, Arrietty, die aus dem wundervollen Studio Ghibli stammt.

Wer Bücher gerne auf Englisch liest, ist mit der sehr günstigen einbändigen Gesamtausgabe “The Complete Borrowers” gut bedient.

Altersempfehlung: 9 bis 14 Jahre

 

Edith Nesbit: Psammy sorgt für Abenteuer

Eine Mischung aus klassischem Plot und Komik, die ca. 1900 in England spielt: Fünf Kinder verbringen ihre Ferien in Kent, auf dem Land. Beim Spielen finden einen Sandelf namens Psammeat, der ihnen pro Tag einen Wunsch erfüllen kann. Da sie nicht allzu weitsichtig in der Wahl ihrer Wünsche sind, entstehen aufregende und komische Situationen aus der Wunscherfüllung: Als sie wünschen, so schön wie der Tag zu sein, erkennen die Dienstboten sie nicht wieder und lassen sie nicht ins Haus. Als sie sich wünschen, reich zu werden, erhalten Sie eine ganze Grube voller goldener Guinea-Münzen – die aber längst nicht mehr gültig sind und ihm Laden nicht akzeptiert werden. Und als sie sich Flügel wünschen, scheint das zunächst gutzugehen – bis sie abends, als der Wunsch endet, auf dem Kirchturm festsitzen… Eine nicht zu aufregende, fantastische und in Maßen abenteuerliche Geschichte für Kinder, die mit Narnia o.ä. noch überfordert wären.

Dieses Buch erscheint in England seit über 100 Jahren andauernd wieder; in Deutschland unter vielen Titeln: Fünf Kinder und zehn Wünsche, Magische Ferien. Der Sand-Elf, Die Sandfee… Der Originaltitel lautet “Five Children and It” und ist der erste Band einer Trilogie (2. Band: The Phoenix and the Carpet, 3. Band The Story of the Amulet). Auch der zweite Band wurde in den 70er Jahren von der legendären Sybil Gräfin Schönfeldt übersetzt und ist gebraucht erhältlich als Feuervogel und Zauberteppich. Der 3. Band ist auf Deutsch äußerst schwer zu finden, mir ist es nicht gelungen. Von Edith Nesbit kennt man außerdem die Arden-Bücher, die Generationen von Kinderbuchautoren beeinflusst haben.

Altersempfehlung: 7 oder 8 bis 10 Jahre

 

Paul Maar: Das Sams (Eine Woche voller Samstage; etc.)

Als moderne Version des wünscheerfüllenden Psammy muss man das Sams betrachten. Auch in den Geschichten um dieses weithin bekannte, Knackwurst naschende, freche Wunderwesen im Taucheranzug gehen “seinem” Menschen, Herrn Taschenbier, so manche Wünsche schief. Anders als 1902 bei Nesbit ist das Sams ziemlich frech und schlagfertig, insbesondere inspiriert es Herrn Taschenbier zu ungewohnt schlagfertigen Antworten auf die Sticheleien seiner indiskreten und unfreundlichen Vermieterin. In vielen Bänden lernt man zunächst, was es mit den Wunschpunkten des Sams auf sich hat und was man unternehmen kann, wenn diese aufgebraucht sind. Vielleicht bräuchte es nicht sämtliche Fortsetzungen, aber sie sind für Kinder recht vergnüglich und äußerst einfach und schnell zu lesen. Durch die Frechheit des Sams und das zeitlich und örtlich recht unbestimmte Setting fehlt es aber an einer positiven Heimat für die Figuren, da die boshafte Vermieterin quasi die Stimmung vergiftet, und den Protagonisten fehlt eine wirklich liebenswerte oder verletzliche Seite. Ein Gefühl der angenehmen Vertrautheit, ein “da wäre ich auch mal gerne” wie bei Meister Eders Schreinerwerkstatt kommt daher beim Lesen nicht auf. Ganz sparen sollte man sich m.E. die Verfilmung mit dem allzu schweinsgesichtigen Sams.

Altersempfehlung: 6 bis 9 Jahre, auch für Leseanfänger geeignet

 

Astrid Lindgren: Karlsson vom Dach

Dem verrückten Karlsson verdanken wir so wunderbare Rezepte wie “zerdrückte Pralinen mit Kakaopulver”. Karlsson ist eingebildet und verfressen, aber trotzdem der Lichtblick im langweiligen Alltag von Lillebror. Es ist erstaunlich, aber Astrid Lindgren hat es geschafft, dass so ziemlich jedes Kind nach mindestens einer ihrer Figuren süchtig wird. Für manche sind es die Kinder von Bullerbü, für manche Kalle Blomquist oder Ronja Räubertochter – und andere lesen in ihrem Leben 20 Mal die Abenteuer mit Karlsson. Karlsson wächst einem ans Herz, und in Lillebror, dem niemand glauben möchte, dass ein fliegendes Kerlchen ihn an seinem Zimmerfenster besucht, können sich viele Kinder hineinversetzen. Es lohnt sich, Karlsson jedem Kind vorzustellen – vielleicht ist er ja die Lindgren-Figur, die dieses Kind auch als Erwachsener noch lieben wird.

Altersempfehlung: ab 8 Jahren

 

Ellis Kaut: Meister Eder und sein Pumuckl

Pumuckl ist Pflichtlektüre, und die Figur des geruhsamen Meister Eders in seinem Altmünchner Alltag ist, zumindest für Bayern, einfach ein Stück Heimat. Das gehörig aufgemischt wird von diesem Kobold. Pumuckls Streiche sind nachvollziehbarer, kindlicher und weniger von schierer Frechheit geprägt als die des Sams. Seine “magische” Eigenschaft der Unsichtbarkeit ist eher eine erzählerische Notwendigkeit und ersetzt nicht, wie in vielen anderen phantastischen Geschichten, schriftstellerischen Einfallsreichtum. Außerdem hält Meister Eder die ganze Zeit über klare Anstands-Maßstäbe dagegen und führt den Pumuckl zur Rücksichtnahme, ohne humorlos zu werden. Dadurch ist Pumuckl witzig, sehr kindlich und damit für Kinder nachvollziehbar, aber zugleich nie auf Krawall gebürstet oder “zersetzend”. Was mich allerdings an den Illustrationen der Neuausgabe stört: Wohl im Sinne der politisch korrekten Volkserziehung durfte Pumuckl auf den neuen Bildern seinen etwas dickeren Bauch, der im Buch ausdrücklich erwähnt wird, nicht behalten. Zensur aus der Befürchtung heraus, er könnte ein schlechtes Identifikationsobjekt sein? Nunja, wenn man sich mit Pumuckl identifiziert, dürfte der Bauch das kleinste Problem sein…

Altersempfehlung: ab 7-8 Jahren, zum Vorlesen ab 5

 

 

 

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